Bitterzarte Liebeslieder

Mademoiselle ist bleich und blond und hat den Blues: Patricia Kaas. Der kühle Star aus Frankreich kommt zu einem Auftritt in die Schweiz.

Wie einst Marlene kommt sie einem vor: Patricia Kaas. Lässig-lasziv gleicht sie der Dietrich und singt auch ähnlich wie früher die kühle Diva aus Deutschland. «Mademoiselle chante le blues» machte sie berühmt oder auch «Mon mec à moi». Jetzt singt Patricia Kaas ihre rauchig-weichen Chansons in der Schweiz, im Hallenstadion Zürich. Der «Brückenbauer» sprach mit dem Star aus Frankreich.

«Brückenbauer»: Patricia Kaas, in zehn Tagen beginnt Ihre Tournee. Womit sind Sie im Moment noch beschäftigt?

Ich gerate fast in Panik, wenn ich daran denke, wieviel bis dahin noch zu tun ist. Ich habe mit den Musikern in London zwar ein wenig geprobt, die Show aber noch nicht durchspielen können. Meine Kleider sind nicht fertig, und die Dekoration, die ich entworfen habe, habe ich auch noch nicht gesehen.

Sie starten Ihre Tournee nicht in Paris, sondern in der Provinz. Weil der Erwartungsdruck dort geringer ist?

Nein, ich wollte in einer grossen Halle proben, um die Show richtig beurteilen zu können. In und um Paris sind solche Säle jedoch ausgebucht oder viel zu teuer.

Wie wird Ihre Show sein? Versuchen Sie, Ihre letzten Konzerte mit noch mehr Lichteffekten zu übertreffen?

Ich glaube nicht, dass meine Show immer spektakulärer werden muss, aber sie soll auf jeder Tournee eine neue Facette von mir zeigen. Unter dem Titel «Rendez-vous» möchte ich das Publikum diesmal in die Welt des Cabarets entführen, wo ich einst zu singen gelernt habe.

Wie reagieren Sie darauf, dass bei vielen Konzerten Ihre alten Hits gefragter sind als die Songs der neuen CD?

Ich werde acht neue Lieder und etwa doppelt so viele altbekannte Nummern interpretieren. Viele der älteren Hits liess ich jedoch akustisch neu arrangieren. Sie klingen jetzt intimer. «Les hommes qui passent» werde ich zum Beispiel zu Cello, Akkordeon und Piano singen.

Gibt es Lieder, die in Ihren Konzerten unverzichtbar sind?

«Mademoiselle chante le blues» gehört dazu. Denn dieser Hit hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin, und die Leute warten genauso darauf wie auf «Mon mec à moi» oder «Il me dit que je suis belle».

Ihre Stimme ist für Sie enorm wichtig. Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie es wäre, diesen kostbaren Teil Ihres Körpers zu verlieren?

Nein, darüber denke ich kaum nach. Das kommt mir höchstens in den Sinn, wenn ich einmal auf einer Tournee erkältet bin. Dann muss ich singen, obwohl es mir Schmerzen bereitet. Und dann nehme ich mir vor, in Zukunft nicht so viele Konzerte zu geben.

Mussten Sie schon einmal pausieren, weil Ihre Stimme versagte?

Ja, auf meiner ersten Tournee, die 250 Konzerte umfasste. Ich war so froh und stolz, auf der Bühne zu stehen, dass ich mich völlig verausgabte. Ich kannte meine Grenzen nicht. Schliesslich musste ich auf Anraten eines Arztes einige Tage lang pausieren. Das hat mich sehr traurig gemacht, weil ich unbedingt vor dem Publikum stehen wollte.

Haben Sie Ihre Stimme versichert?

So wie Marlene Dietrich ihre Beine? Nein. Am Anfang existierte eine solche Versicherung, aber inzwischen nicht mehr. Ich kümmere mich nicht darum.

Stört es Sie, dass Sie auf fremde Songschreiber angewiesen sind?

Bei den Texten ist das kein Problem, denn ich kann mit ausgezeichneten Autoren zusammenarbeiten. Ich wünsche mir jedoch, ich könnte selber komponieren. Dann könnte ich Melodien schreiben, die meine momentane Stimmung genau wiedergeben würden. Doch wenn ich ein fremdes Lied singe und meine Emotionen einfliessen lasse, wird es zu meinem Lied.

Auf dem neuen Album kommen einige Songs vor, die ursprünglich englische Texte hatten. Spüren Sie beim Singen dieser Lieder einen Unterschied zu den original französischen Liedern?

Ja. Es ist nie das gleiche, einen Text zu singen, der nicht zusammen mit der Melodie entstanden ist. Manchmal klappt die Übersetzung gut wie etwa bei «Chanson simple», das ursprünglich ein Lied von Lyle Lovett ist. Dieses Stück klingt fast wie ein französisches Chanson.

Kann man französische Lieder auf englisch übersetzen?

Wenn man ein sehr französisches Lied wie «L'amour devant la mer» nimmt und einen englischen Text dazu singt, klingt das entweder sehr interessant oder sehr sonderbar. Deshalb habe ich dieses Stück in der französischen Version auf das kommende amerikanische Album übernommen.

Welche Songs berühren Sie besonders stark?

Der Text von «Entrer dans la lumière» bezieht sich ursprünglich auf meine Liebe zu Bühnenauftritten. Das Lied ist jedoch vieldeutig. Man kann es auch als Hymne auf die Geburt eines Kindes verstehen. Ich widme es auf dieser Tour meinen Eltern, deren Tod ich heute als Schritt ins Licht begreife, da das Ende sie von ihren Schmerzen erlöst hat.

Sie stammen ja aus einer Bergarbeiterfamilie. Haben Ihre Eltern Sie bei Ihrer Karriere unterstützt?

Als ich mit acht Jahren zu singen begann, freuten sie sich, dass ich einmal pro Woche meine Stimme übte. Andere Eltern hätten das aus Angst vor schwachen Schulleistungen verboten. Am meisten hat mir jedoch ihre Liebe und Ehrlichkeit geholfen. Mit ihrer Warmherzigkeit und Offenheit haben sie mein ganzes heutiges Denken und Fühlen geprägt.

War es Ihr Traum, einmal ein Star wie Edith Piaf zu werden?

Nein, ich kannte in meiner Jugend nur ein oder zwei ihrer Lieder. Ich habe mich erst für die Frau hinter «La vie en rose» und «Je ne regrette rien» zu interessieren begonnen, als ich mit ihr verglichen wurde. Ich kam zum Schluss, dass das wohl eher am vergleichbaren Erfolg liegt und nicht an den Stimmen, die ganz verschieden klingen.

Welches Ziel hatten Sie am Anfang Ihrer Karriere vor Augen?

Ich wollte einfach vor Publikum singen und war deshalb schon glücklich, als ich im Saarbrücker Cabaret «Rumpelkammer» auftrat. Wenn man nichts anderes kennt als dieses Etablissement, denkt man nicht an grosse Hallen und erst recht nicht an die Hitparade.

Wann ist Ihr Ehrgeiz erwacht?

Als meine erste Single «Jalouse» keine Beachtung fand, dachte ich: «Gut, dann singst du eben weiterhin nur am Wochenende.» Dann erkrankte meine Mutter schwer. Ihr grösster Wunsch war es, meinen Durchbruch zu erleben. So begann ich zu kämpfen. Ich gab alles, was ich konnte.

Bedeutete der Wechsel ins Pariser Showbusiness eine grosse Umstellung?

Meine ersten Erfahrungen in Paris waren ernüchternd. Als ich neben Künstlern, deren Lieder ich in der «Rumpelkammer» noch voller Bewunderung interpretiert hatte, auftreten konnte, war ich unheimlich stolz. Ihre Blicke schienen jedoch zu sagen: «Was will die Kleine? Bildet Sie sich etwa ein, sie könne unseren Platz einnehmen?»

Ist es Ihnen im Musikgeschäft noch immer unwohl?

Es ist nicht mehr so schlimm, weil ich heute dank meines Erfolgs respektiert werde.

Hat Ihre Mutter diesen Triumph noch erleben dürfen?

Ja, den Riesenerfolg des Stücks «Mademoiselle chante le blues» hat sie noch erlebt, nur meine erste Tournee nicht mehr. Ich habe mich bei der Planung meiner Karriere trotzdem noch sechs weitere Jahre genau an ihre Ratschläge gehalten. Nachdem ich das französische Publikum für meine Musik begeistert hatte, strebte ich in Deutschland nach Erfolg. Schliesslich kam ich an den Punkt, wo ich mir sagte, ich müsste jetzt mein eigenes Leben beginnen und nicht immer wieder fragen, was wohl Mama an meiner Stelle getan hätte.

Interview Reinhold Hönle

Privates Glück

Mit einem Mix aus Chanson, Cabaret und Pop stieg Patricia Kaas vom «Fräulein, das den Blues singt», zur beliebtesten und erfolgreichsten französischen Sängerin aller Zeiten auf. Auf der Bühne wirkt sie faszinierender und wandlungsfähiger als ihre grösste Konkurrentin, die Kanadierin Céline Dion.

Wirklich zufrieden und entspannt wirkt Patricia Kaas allerdings erst, seitdem sie vor vier Jahren im belgischen Sänger Philippe Bergman ihre grosse Liebe gefunden hat. Er brachte nach dem frühen Tod ihrer Eltern das private Glück in ihr Leben zurück.

Brückenbauer Nr. 04, 20. Januar 1998