"So habī ich gelernt stark zu sein"
Bild der Frau: Sie haben mehr als zehn Millionen Platten verkauft und viele internationale Preise bekommen. Was treibt Sie noch an?
Patricia Kaas: Ich lebe in einem Traum, und ich möchte, daß dieser Traum weitergeht.
Was ist das für ein Traum?
Ich betrachte mein Leben und denke: Das ist wunderschön. Ich treffe viele interessante Menschen, ich kann auf der Bühne stehen, und ich habe Erfolg.
Erfolg - sind das die verkauften CDs?
Nein, eine Sängerin ist mehr als nur eine Stimme. Das schönste Geschenk für mich ist, wenn das Publikum sich bei einem Konzert mitreißen läßt, wenn ich spüre, daß es nicht nur die Stimme ist, die die Menschen begeistert, sondern meine ganze Persönlichkeit.
Sie überlassen bei Ihren Konzerten nichts dem Zufall. Sie gelten als starke, selbstbewußte Frau.
Ich will alles im Griff haben, was mich betrifft. Mit welchen Musikern ich arbeite, welche Techniker mich unterstützen, was ich anziehe. Früher wollte ich nur singen. Heute soll alles perfekt gelingen. Es ist meine Show, deshalb entscheide ich allein.
Wissen Sie immer, was Sie wollen?
Ich habe viel Selbstvertrauen, aber manchmal noch nicht genug.
Das kann man sich kaum vorstellen.
Wenn ich zum Beispiel bei einer Plattenaufnahme bei einem Lied improvisieren soll, bin ich total unsicher, wie ich das machen soll. Auf der Bühne kann mir das nicht passieren.
Das Selbstvertrauen war nicht immer da. Ihre Mutter war enorm wichtig für Ihre Karriere.
Sie hatte einen riesigen Anteil an meinem Erfolg. Sie hat die ersten Engagements für mich gesucht und mir gesagt, welche Lieder ich singen soll. Sie war immer bei mir. Sie hatte einen sehr starken Willen und hat mich immer bestärkt: Wenn du Sängerin werden willst, dann mach es. Von ihr habe ich gelernt: Wenn du etwas unbedingt willst, mußt du dich einfach durchkämpfen.
Was ist in Ihnen vorgegangen, als Ihre Mutter vor elf Jahren starb?
Am Anfang konnte ich mir mein Leben ohne sie nicht vorstellen. Ich habe richtig in ihrem Schatten gelebt.
Wie sah das aus?
Bei allem, was ich gemacht habe, dachte ich: Was würde sie dazu sagen? Daß ich diese Tournee mache, dieses Lied singe oder dieses Kleid trage. Es hat lange gedauert, bis ich davon losgekommen bin.
Was hat Ihnen dabei geholfen? Gespräche?
Ich habe mich zurückgezogen, und ich war ziemlich einsam. Aber ich wollte das so. ich war nicht depressiv, aber ich brauchte einfach Zeit, um über diesen Verlust hinwegzukommen. Ich habe allmählich gelernt, daß ich auch ohne meine Mutter glücklich sein kann. Das heißt aber nicht, daß ich nicht noch oft an sie denke
Sie sind stärker geworden?
In schwierigen Zeiten lerne ich am meisten über mich selbst. Ich weiß jetzt, welche Stärke in mir ist. Ich entscheide alleine, welche Lieder ich für eine CD auswähle, welchen Manager ich habe, was richtig für meine Karriere ist. Die Menschen, die mich kennen, sagen, ich bin offener und fröhlicher geworden.
Die Lieder ihrer neuen CD erzählen von melancholischer Liebe und Abschiednehmen. hat das einen persönlichen Grund?
Nein, ich singe nur einfach gerne Lieder über die Liebe. Lieder, in denen sich die Menschen wiedererkennen können.
Sie leben seit fast sechs Jahren mit dem belgischen Sänger Philippe Bergmann (38) zusammen. Ein Paar mit dem gleichen Beruf. Gibt es da keine Probleme?
Nein. Wir arbeiten ja nicht zusammen. Das möchte ich nicht. Und sonst haben wir die gleichen Auseinandersetzungen wie alle Paare. Aber da wir beide Künstler sind, leben wir ja nicht wie ein traditionelles Paar zusammen. Er hat seine Engagements, ist für zwei Wochen weg. Ich habe meine. So müssen wir uns oft trennen und freuen uns immer aufs Wiedersehen. Das hält unsere Liebe jung.
Philippe ist Ihre Mann fürs Leben?
Dafür gibt es nie eine Garantie. Aber aus der Verliebtheit des Anfangs ist Liebe geworden.
Mit gemeinsamen Kindern?
Ja. Wir wollen beide Kinder. Ich komme aus einer großen Familie, und ich bin ein echter Familienmensch.
Worüber können Sie sich mit Philippe streiten?
Vor kurzem hatte er ein schnurloses Telefon gekauft. Und das funktionierte nie richtig. Schon nach zwei Minuten konnte ich nicht mehr sprechen, obwohl neue Batterien drin waren. Da bin ich sauer geworden, habe geflucht und das Ding gegen die Wand geworfen. Aber so etwas kommt selten vor.
Wer gibt beim Streit als erster nach?
Meist ich. Philippe ist verschlossen. Wenn er Probleme hat, muß ich ihn fünfzigmal fragen: Was ist los? Was hast du?
Sie haben Ihr Äußeres öfter stark verändert, die Haare, die Kleidung. Ein Spiegelbild innerer Veränderungen?
Ich habe eine Zeit gebraucht, meinen Stil zu finden. Wenn man wie ich aus einer kleinen Stadt nach Paris kommt, ist man unsicher. Wenn dann Manager, Produzenten und alle anderen Leute auf dich einreden, läßt du dich leicht beeinflussen.
Zum Beispiel?
Die Leute haben mich mit Marlene Dietrich verglichen, und da habe ich mich ein bißchen so gegeben wie sie, in meinem Verhalten die Diva rausgekehrt, mich gekleidet wie sie. Es hat einige Jahre gedauert, bis mir klar war, das Wichtigste ist, wie ich mich selber fühle. Heute gibt es keinen Unterschied mehr zwischen der Sängerin und der Privatperson Patricia. ich habe einfach gelernt, stark zu sein.
Bild der Frau v. 9.8.99
Interview von Detlef Maczewsky